
Mühsam reiße ich meine verklebten Wimpern auseinander. Alles verschwommen.
Wo bin ich?
Ich will mich aufstützen. Unmöglich.
Die Zahnräder in meinem Kopf dröhnen laut. Denken
ausgeschlossen. Schwach rieche ich Desinfektionsmittel. Ich fühle Schritte und einen Stich am Arm. Blitzartig stehen die Räder still. Alles tiefschwarz.
Wenn Mama sagte: „Jetzt läuft es rund!“, stellte ich mir schon als Kind Zahnräder in meinem Kopf vor. Gut geschmierte Zahnräder, die fehlerlos ineinander griffen. Welch süße Melodie!
Mama war eine wundervolle Frau. Sie hatte und liebte nur mich, und ich lernte von ihr alles, besonders singen. Sie, die perfekte Königin des Flügels, wollte mich zu ihrem Gesangs-Prinzen formen. Unzählige Stunden übten
wir im Salon. „Max, vergiss nie, wo du herkommst. Adel verpflichtet.“ Das wussten wir beide, Prinz Max, der Artige, und Ritter Lukas, der Schreckliche.
Mama und das Metronom gaben den Takt vor, und ich folgte.
„Das hast du sehr schön gesungen, mein kleiner Prinz. Jetzt läuft
es rund!“ Bei diesem Lob sirrten meine Kopf-Zahnräder.
„Die Dampflok, wo fährt sie hin, Mama?“ „Max, nicht jetzt,
später. Der Text, der Ton, Max pass auf!“ Doch die Dampflok im
goldenen Bilderrahmen an der Wand hinter Mamas Rücken zog
mich magisch an. Wie sie aus dem dunklen, engen Tunnel in die helle, weite Landschaft fährt. Freiheit!
Und während Mamas Finger über die Tasten schwebten, kroch
die Dampflok mit tschug, tschug aus dem Viadukt, spuckte Rauch
in die Luft, nahm Fahrt auf und brauste pfeifend auf mich zu. Erst
langsam, dann immer schneller und schneller.
„Max, Konzentration, du bist nicht im Takt. Du – Versager!“, Mamas Stimme kippte fast weg. „Du weißt! Wer nicht hören will, muss fühlen.“
Wütend schleppte sie mich zum Speicher hoch. „Ritter Lukas
war’s“, heulte ich. „Kinderkram, Max.“ Mama schubste mich in
den kalten Raum, schloss ab und entfernte sich mit lauten Schritten. Brüllend schlug ich gegen die Tür. Ohne Erfolg! Schließlich sank ich auf den Boden und verkroch mich ängstlich in meine Arme.
Unter dem Dach war es gruselig. Als ich mich umzusehen traute, starrte mich meine verheulte Fratze an. Neben altem Krempel stand ein Spiegelschrank. Neugierig versuchte ich ihn aufzudrücken. Abgeschlossen! Wo war der Schlüssel? Wie ein Insekt auf Beutefang krabbelten meine Fingerspitzen den Schranksims entlang. In Spinnweben verfingen sie sich,
wirbelten Staub auf und – einen Schlüssel. Es dauerte, bis der Schrank sich ächzend öffnete. Unmengen an Kleidern quollen heraus. Ein metallischer Geruch stieg mir in die Nase. Enttäuscht kickte ich in die Klamotten. Autsch!
An irgendwas hatte ich mich gestoßen.
Mit den Füßen fegte ich Lumpen zur Seite und verharrte. Was war das? Ein angelaufener Messinggriff lugte hervor. „Nur zu, Max!“, ermunterte mich Lukas. Ich bückte mich und zog am Schaft. An der Klinge klebten
dunkle Stofffetzen. Ich riss sie weg.
Ein langes Schwert lag vor mir. Für einen achtjährigen Jungen
viel zu schwer. Ritter Lukas lachte. Die Angst war mit einem Mal verflogen. Vom Salon erklangen die letzten Akkorde der Schubert-Sonate Nr. 21.
„Mama ist traurig, wenn du so böse bist.“
Stimme und Schritte kamen näher. „Versteck es!“, flüsterte Lukas. Mama schloss auf. Sie drückte und küsste mich unter Tränen:
„Mein kleiner Prinz, es tut mir leid. Willst du nun wieder schön
singen?“
Vier Jahrzehnte sang ich artig. Lukas aber bekam noch viele Gelegenheiten, mit dem Schwert zu üben. Wie ich das hasste! Draußen war Mama die Frau
Baronin, eine liebenswürdige Erscheinung, und ich der brave Sohn. Doch zuhause saß sie unnachgiebig am Flügel und duldete keinen Widerspruch. Gestern befahl sie: „Komm in den Salon und sing mit mir!“, um sogleich
flehentlich zu bitten: „Heute an meinem Geburtstag, mein kleiner
Prinz“.
Während mir ihr Zigarillorauch den Blick auf die Dampflok vernebelte, schrie ich: „Nein, nie mehr und lass den Kinderkram! Du weißt, dass ich das verabscheue.“ Angewidert knallte ich die Türe zu. Lukas rannte hinauf
zum Speicher.
Mitten in der Schubert-Sonate Nr. 21 schlich ich in den Salon.
Mamas schlanke Finger flogen über die Tasten. Ihr Oberkörper
schwebte im Takt der Musik. Mit hoch erhobenen Armen stand ich
hinter ihr vor meinem Lieblingsbild. Knirschend gruben sich die
Zahnräder der Dampflok tief in meinen Hinterkopf. „Freiheit!“,
raunte mir Lukas zu, bevor das Schwert in ihren wogenden Rücken schoss.
Noch nie endeten Schuberts Akkorde bei Mama so disharmonisch. Sanftmütig sah sie aus, wie sie nach vorne gebeugt über den Tasten hing. Vielleicht ein wenig überrascht. „Wer nicht hören will, muss fühlen.“, flüsterte Lukas. „Tut mir leid, Mama!“, stammelte ich.
„Herr Zahn?“ Finger umschließen mein Handgelenk. Ich schlage die Augen auf. Eine Stimme über mir. „Ich bin Doktor Fischer und werde gleich Ihre Armfixierungen lösen. Können Sie mir Ihren vollständigen Namen und
ihr Alter nennen?“, fragt das Gesicht. „Ich heiße Maximilian Lukas von Zahn und bin 48 Jahre alt.“, antworte ich gehorsam, schließe die Augen und lausche der Melodie der Zahnräder.
