{"id":21,"date":"2020-05-11T19:14:22","date_gmt":"2020-05-11T17:14:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.federtanz.de\/?p=21"},"modified":"2021-03-16T19:59:41","modified_gmt":"2021-03-16T18:59:41","slug":"die-melodie-der-zahnraeder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.federtanz.de\/?p=21","title":{"rendered":"Aus dem Takt"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"679\" height=\"510\" src=\"http:\/\/www.federtanz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/MelodieDerZahnraeder-edited.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-89\" srcset=\"https:\/\/www.federtanz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/MelodieDerZahnraeder-edited.png 679w, https:\/\/www.federtanz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/MelodieDerZahnraeder-edited-300x225.png 300w, https:\/\/www.federtanz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/MelodieDerZahnraeder-edited-350x263.png 350w, https:\/\/www.federtanz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/MelodieDerZahnraeder-edited-250x188.png 250w\" sizes=\"(max-width: 679px) 100vw, 679px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>M\u00fchsam rei\u00dfe ich meine verklebten Wimpern auseinander. Alles verschwommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wo bin ich?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will mich aufst\u00fctzen. Unm\u00f6glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Zahnr\u00e4der in meinem Kopf dr\u00f6hnen laut. Denken<br>ausgeschlossen. Schwach rieche ich Desinfektionsmittel. Ich f\u00fchle Schritte und einen Stich am Arm. Blitzartig stehen die R\u00e4der still. Alles tiefschwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Mama sagte: \u201eJetzt l\u00e4uft es rund!\u201c, stellte ich mir schon als Kind Zahnr\u00e4der in meinem Kopf vor. Gut geschmierte Zahnr\u00e4der, die fehlerlos ineinander griffen. Welch s\u00fc\u00dfe Melodie!<\/p>\n\n\n\n<p>Mama war eine wundervolle Frau. Sie hatte und liebte nur mich, und ich lernte von ihr alles, besonders singen. Sie, die perfekte K\u00f6nigin des Fl\u00fcgels, wollte mich zu ihrem Gesangs-Prinzen formen. Unz\u00e4hlige Stunden \u00fcbten<br>wir im Salon. \u201eMax, vergiss nie, wo du herkommst. Adel verpflichtet.\u201c Das wussten wir beide, Prinz Max, der Artige, und Ritter Lukas, der Schreckliche.<br>Mama und das Metronom gaben den Takt vor, und ich folgte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas hast du sehr sch\u00f6n gesungen, mein kleiner Prinz. Jetzt l\u00e4uft<br>es rund!\u201c Bei diesem Lob sirrten meine Kopf-Zahnr\u00e4der.<br>\u201eDie Dampflok, wo f\u00e4hrt sie hin, Mama?\u201c \u201eMax, nicht jetzt,<br>sp\u00e4ter. Der Text, der Ton, Max pass auf!\u201c Doch die Dampflok im<br>goldenen Bilderrahmen an der Wand hinter Mamas R\u00fccken zog<br>mich magisch an. Wie sie aus dem dunklen, engen Tunnel in die helle, weite Landschaft f\u00e4hrt. Freiheit!<\/p>\n\n\n\n<p>Und w\u00e4hrend Mamas Finger \u00fcber die Tasten schwebten, kroch<br>die Dampflok mit tschug, tschug aus dem Viadukt, spuckte Rauch<br>in die Luft, nahm Fahrt auf und brauste pfeifend auf mich zu. Erst<br>langsam, dann immer schneller und schneller.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMax, Konzentration, du bist nicht im Takt. Du \u2013 Versager!\u201c, Mamas Stimme kippte fast weg. \u201eDu wei\u00dft! Wer nicht h\u00f6ren will, muss f\u00fchlen.\u201c<br>W\u00fctend schleppte sie mich zum Speicher hoch. \u201eRitter Lukas<br>war\u2019s\u201c, heulte ich. \u201eKinderkram, Max.\u201c Mama schubste mich in<br>den kalten Raum, schloss ab und entfernte sich mit lauten Schritten. Br\u00fcllend schlug ich gegen die T\u00fcr. Ohne Erfolg! Schlie\u00dflich sank ich auf den Boden und verkroch mich \u00e4ngstlich in meine Arme.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Dach war es gruselig. Als ich mich umzusehen traute, starrte mich meine verheulte Fratze an. Neben altem Krempel stand ein Spiegelschrank. Neugierig versuchte ich ihn aufzudr\u00fccken. Abgeschlossen! Wo war der Schl\u00fcssel? Wie ein Insekt auf Beutefang krabbelten meine Fingerspitzen den Schranksims entlang. In Spinnweben verfingen sie sich,<br>wirbelten Staub auf und \u2013 einen Schl\u00fcssel. Es dauerte, bis der Schrank sich \u00e4chzend \u00f6ffnete. Unmengen an Kleidern quollen heraus. Ein metallischer Geruch stieg mir in die Nase. Entt\u00e4uscht kickte ich in die Klamotten. Autsch!<br>An irgendwas hatte ich mich gesto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den F\u00fc\u00dfen fegte ich Lumpen zur Seite und verharrte. Was war das? Ein angelaufener Messinggriff lugte hervor. \u201eNur zu, Max!\u201c, ermunterte mich Lukas. Ich b\u00fcckte mich und zog am Schaft. An der Klinge klebten<br>dunkle Stofffetzen. Ich riss sie weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein langes Schwert lag vor mir. F\u00fcr einen achtj\u00e4hrigen Jungen<br>viel zu schwer. Ritter Lukas lachte. Die Angst war mit einem Mal verflogen. Vom Salon erklangen die letzten Akkorde der Schubert-Sonate Nr. 21. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMama ist traurig, wenn du so b\u00f6se bist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Stimme und Schritte kamen n\u00e4her. \u201eVersteck es!\u201c, fl\u00fcsterte Lukas. Mama  schloss auf. Sie dr\u00fcckte und k\u00fcsste mich unter Tr\u00e4nen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein kleiner Prinz, es tut mir leid. Willst du nun wieder sch\u00f6n<br>singen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Jahrzehnte sang ich artig. Lukas aber bekam noch viele Gelegenheiten, mit dem Schwert zu \u00fcben. Wie ich das hasste! Drau\u00dfen war Mama die Frau<br>Baronin, eine liebensw\u00fcrdige Erscheinung, und ich der brave Sohn. Doch zuhause sa\u00df sie unnachgiebig am Fl\u00fcgel und duldete keinen Widerspruch. Gestern befahl sie: \u201eKomm in den Salon und sing mit mir!\u201c, um sogleich<br>flehentlich zu bitten: \u201eHeute an meinem Geburtstag, mein kleiner<br>Prinz\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend mir ihr Zigarillorauch den Blick auf die Dampflok vernebelte, schrie ich: \u201eNein, nie mehr und lass den Kinderkram! Du wei\u00dft, dass ich das verabscheue.\u201c Angewidert knallte ich die T\u00fcre zu. Lukas rannte hinauf<br>zum Speicher. <\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in der Schubert-Sonate Nr. 21 schlich ich in den Salon.<br>Mamas schlanke Finger flogen \u00fcber die Tasten. Ihr Oberk\u00f6rper<br>schwebte im Takt der Musik. Mit hoch erhobenen Armen stand ich<br>hinter ihr vor meinem Lieblingsbild. Knirschend gruben sich die<br>Zahnr\u00e4der der Dampflok tief in meinen Hinterkopf. \u201eFreiheit!\u201c,<br>raunte mir Lukas zu, bevor das Schwert in ihren wogenden R\u00fccken schoss. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch nie endeten Schuberts Akkorde bei Mama so disharmonisch. Sanftm\u00fctig sah sie aus, wie sie nach vorne gebeugt \u00fcber den Tasten hing. Vielleicht ein wenig \u00fcberrascht. \u201eWer nicht h\u00f6ren will, muss f\u00fchlen.\u201c, fl\u00fcsterte Lukas. \u201eTut mir leid, Mama!\u201c, stammelte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr Zahn?\u201c Finger umschlie\u00dfen mein Handgelenk. Ich schlage die Augen auf. Eine Stimme \u00fcber mir. \u201eIch bin Doktor Fischer und werde gleich Ihre Armfixierungen l\u00f6sen. K\u00f6nnen Sie mir Ihren vollst\u00e4ndigen Namen und<br>ihr Alter nennen?\u201c, fragt das Gesicht. \u201eIch hei\u00dfe Maximilian Lukas von Zahn und bin 48 Jahre alt.\u201c, antworte ich gehorsam, schlie\u00dfe die Augen und lausche der Melodie der Zahnr\u00e4der.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00fchsam rei\u00dfe ich meine verklebten Wimpern auseinander. Alles verschwommen. Wo bin ich? Ich will mich aufst\u00fctzen. Unm\u00f6glich. Die Zahnr\u00e4der in meinem Kopf dr\u00f6hnen laut. Denkenausgeschlossen. Schwach rieche ich Desinfektionsmittel. Ich f\u00fchle Schritte und einen Stich am Arm. Blitzartig stehen die R\u00e4der still. Alles tiefschwarz. 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